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Zwei Zwerge Verlag

Am 02.09.1994 wurde der "Zwei-Zwerge-Verlag" als Einzelunternehmen

in Berlin-Friedrichshain angemeldet.

2001 Umbenennung in: "Spreehund-Verlag".

Zeitungsartikel : Berliner Abendblatt vom 10.02.1999

www.sortiment-Spreehund.de Franziska Barbara Körner Spreehund Verlag Spreehundverlag Spreehund Sortiment Spreehund Sebastian Langkorn Lutz Körner Franziska Körner

Verlag

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Impressum

Spreehund - Verlag

Titel Liste

Bildbände

Autobiographie-Buchreihe Berliner Lebensbilanzen

Verkehrs- / bzw. Ersatznummer: 66 441 - nicht im Handelsregister eingetragen

Autoren Liste

Spillerkin und andere Geschichten

Berliner Lebensbilanzen im Zwei-Zwerge-Verlag

Etwas soll bleiben. Vom eigenen Leben eine Spur, ein Zeichen hinterlassen, diesen Wunsch hegen viele Leute. Man solle Kinder zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen, rät eine alte Spruchweisheit. Eine Möglichkeit kann auch sein: aufschreiben, wie das Leben verlief, persönliche Erfahrungen zu Papier bringen, noch ehe sie für immer vergessen sind. Das Interesse an Memoiren, Autobiographien hält ungebrochen an. Vor allem, wenn sie mit einem berühmten Namen verbunden sind.

Lebensbilanzen - das Gedächtnis der Stadt Berlin heißt eine Reihe im Zwei-Zwerge-Verlag, in der all jene zu Wort kommen, die nicht auf den VIP-Listen der Öffentlichkeit stehen, die aber zum Wesen der Stadt gehören. Statt „very important persons“ erzählen hier die sogenannten kleinen Leute, was ihren Alltag bestimmt. „Sie kommen aus allen sozialen Schichten. Es sind Akademiker, Handwerker, Kaufleute, Hausfrauen dabei“, so Franziska Körner, die das „Ein-Frau-Unternehmen“ leitet. Elf Bände sind bisher erschienen. Gediegen in der Aufmachung, mit ausführlichen, lobenden Rezensionen bedacht.

Als die Körners 1994 (Ehemann Lutz brachte Erfahrungen als Dokumentarfilmer mit, seine Frau betriebswirtschaftliche Kenntnisse) den Verlag gründeten, dachten sie zunächst an Bildbände aus der Region, Kunstdrucke, Lyrik-Editionen. Dann kam einer und brachte ein schmales Bändchen mit. Koppenstraße 60. Waldemar Brust, der in diesem Friedrichshainer Kiez aufgewachsen war, erzählte von seiner Kindheit in der Weimarer Zeit, vom Berlin der 20er und 30er Jahre. Das Buch war bereits in der DDR erschienen, aber gekürzt um einige Passagen, die nicht ins offizielle Geschichtsbild paßten. Inzwischen hat Brust nachgelegt. Ein zweiter und dritter Band ist hinzugekommen.

Die Körners ermutigen ihre Autoren nicht nur zum Weiterschreiben, sie gehen auch sorgsam mit den Manuskripten um. Sie versuchen, den Duktus zu erhalten, greifen nur, wenn es unbedingt notwendig ist, in die Chronologie ein, um die Spannung zu erhalten.

„Die meisten Autoren beschließen ihre Erinnerungen mit dem Ende des Krieges bzw. mit den Nachkriegsjahren. Uns interessiert aber auch, wie ging es weiter, was ist aus den Leuten geworden, im Ost- und im Westteil der Stadt“, sagt Franziska Körner. „Wir wollen das ganze Spektrum des Lebens, um ein vielschichtiges Panorama des 20. Jahrhunderts zu zeichnen.“ Es gibt ein Woher und ein Wohin.

Geschichte lebt von Geschichten, großen und kleinen, heiteren und tragischen, absonderlichen und alltäglichen. „... der Reiz der Memoiren beruht gerade darauf, daß wir die Geschichtenoch einmal in ihre unverfälschten kleinen Lebensteilchen zerlegt und nicht durch eine Verstandeskonstruktion ersetzt sehen. Memoiren müssen also in gewissem Sinn die Kehrseite des Teppichs der Historie sein, mit dem Unterschied jedoch, daß in diesem Fall auch die Rückseite ein Muster zeigt, allerdings eines, das von dem vorderen abweicht. Geschichte ist öffentliches Leben, und dazu gelangt man nur, wenn man unzählige Privatleben in seinem Mörser zerstößt. In den Memoiren hingegen sehen wir den Sternennebel der Historie sich auflösen in die unendlich vielen schillernden Sternchen der Einzelleben“, meint der spanische Philosoph José Ortega y Gasset. Ein anderes, objektives Geschichtsbild wird so nicht entstehen, aber den Schatz der Erfahrungen können nachfolgende Generationen nutzen, denn, so Ortega weiter, „die Vergangenheit vergessen, ihr den Rücken kehren, ruft die Wirkung hervor, die wir heute vielfach beobachten können: die Rebarbarisierung des Menschen.“

Die Autoren, die im Zwei-Zwerge-Verlag schreiben, sind vor 1930 geboren. „Oft ist es ein Kampf gegen die biologische Uhr. Aber sie müssen keine Rücksichten mehr nehmen auf die Karriere oder Angehörige, und anders als die Prominenten kokettieren sie nicht mit ihren Schwächen oder befürchten, ihren Ruf zu schädigen“, sagt Franziska Körner. Nicht Eitelkeit zählt, sondern die absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber und Wahrhaftigkeit der subjektiven Darstellung. Ein Auswahlkriterium: Es muß einen Bezug zu Berlin geben.

Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, immer weitere Kreise zieht, kamen ständig neue Anfragen von Autoren. Aus dem sächsischen Zwickau meldete sich Günther Hönicke, der im „tiefsten Zille-Milieu“, einer Berliner Kellerwohnung, aufgewachsen ist, und der, weil er „so dürre“ war, Spillerkin genannt wurde. Er hat als Kind erlebt, wie Juden schikaniert wurden, wie der verehrte Lehrer, weil er Jude war, aus dem Schuldienst entlassen wurde oder wie sein Vater russischen Kriegsgefangenen half. Mittlerweile gibt es auch eine Fortsetzung der Spillerkin-Geschichten bis in die Gegenwart. Und er regte andere zum Schreiben an, seinen Cousin Horst Schröder, der Dreher in der „Knorre“ in Friedrichshain war und im Krieg an einer Exekution teilnehmen mußte, ein Erlebnis, das er nie verwunden hat. Ursula Ball, eine Cousine der beiden aus Steglitz, hat aufgeschrieben, wie Krieg die Zukunftshoffnungen junger Mädchen zerstörte. Sie nutzte dafür Tagebuchnotizen, während des Krieges war sie Telefonistin bei der Luftschutzwache, und Feldpostbriefe ihres gefallenen Bruders. Mit Spillerkin, Hotta (Horst Schröder) und Bis zum Häkelgeschwader - Von Bomben und Kaiserwetter einer Berolina (Ursula Ball) liegt nun gewissermaßen eine Berliner Familien- Trilogie vor.

Das Schneeballprinzip zeigte auch andere erfreuliche Wirkungen. Auf der Frankfurter Buchmesse vor vier Jahren lernten die Körners Jeffrey Garrett, Bibliographer an der Northwestern University Library in Evanston, kennen. Er hielt mit seiner Anerkennung nicht hinterm Berg, und dank seiner Initiative sind die „Berliner Lebensgeschichten“ auch an amerikanischen Universitäten bekannt. (Sie sind weltweit ausleihbar unter http://nucat.library.nwu. edu).

Franziska und Lutz Körner sind eingeschworene Friedrichshainer. Ihr Verlag in der Gürtelstraße 14 (im Internet unter http://www.zwei-zwerge-verlag.com) liegt mitten im Kiez. In einer typischen Straße mit Häusern der Gründerzeit, heruntergekommenen Hinterhöfen, aufgepeppten Neubauten in Baulücken. Unser Gespräch in dem Laden mit der Wohnzimmeratmospähre, weißen Gardinen, einer bequemen Polstergarnitur, Computer, Buchcover und Plakaten an den Wänden wird öfter vom Telefonklingeln unterbrochen. Am Morgen hat Lutz Körner in einem Radiosender ein Interview gegeben. Jetzt kommt das Echo zurück. „Leute, die ihr Leben aufschreiben wollen, und sei es nur für die Kinder und Enkel, gibt es mehr, als man denkt“, sagt Franziska Körner. So sind sie froh, die Reihe

„Lebensbilanzen“ begonnen zu haben, auch wenn manche Hoffnung dabei auf der Strecke blieb. Die Körners hatten auf Interesse der Schulen und der Bibliotheken gehofft. Leere Kassen allerorts. Die Auflagen richten sich nach Bedarf. Geld verdienen läßt sich damit nicht, denn im Zwei-Zwerge-Verlag gibt es keine Selbstbeteiligung der Autoren an den Unkosten, dafür am Gewinn. Der blieb bislang aus. „Doch einfach aufhören geht nicht“, sagt Franziska Körner. „Wir sind es den Autoren schuldig. Erinnerungen zurückzuholen, sich damit auseinanderzusetzen, sich zu Irrtümern zu bekennen, kann ein quälender Prozeß sein. Wir können ihr Vertrauen nicht enttäuschen.“

Jetzt versuchen die Körners einen weiteren Schritt zu gehen. Sie gründeten den „Berlin- Gedächtnis-Verein“, haben Kontakte zu verschiedenen Museen aufgenommen. Aus den gesammelten Dokumenten, Interviews, Fotos, Briefen, könnte ein eigenständiges „Museum der Erinnerungen“ entstehen. Vorrang haben in nächster Zeit Video-Aufzeichnungen. „Vielleicht ergeben sich später daraus Hörbücher“, hofft Lutz Körner. „So würde die Sprache, die individuelle Art des Erzählens erhalten bleiben.“

Gudrun Schmidt

aus:

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 11/00 (c) Edition Luisenstadt, 2000

https://berlingeschichte.de/lesezei/blz00_11/text04.htm

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